Feindbild SRG?

Im Kontext der Auseinandersetzung um die sogenannte NoBillag-Initiative stellt sich die Frage, weshalb die SRG für manche Kreise zu einem veritablen Feindbild geworden ist.

Dazu ist vorgängig zu sagen, dass die öffentlich-rechtlichen Medien auch in Deutschland und Österreich stark unter Beschuss sind, und es sich daher nicht um ein isoliertes SRG-Phänomen handelt.

Rechtspopulisten und Rechtsextreme reagieren auf kritische Fragen oder auf die Konfrontation mit Widersprüchen und Unwahrheiten in ihren Aussagen fast nie mit Argumenten. Sie diffamieren stattdessen Journalisten und Journalistinnen bzw. die dahinterstehenden Medien als „Lügenpresse“. Das hat System.

Lehrbuchmässig zeigt dieses Verhalten die österreichische FPÖ.

Der Kommunikationswissenschaftler Fritz Hausjell hat sich dazu im „Kurier“ geäussert.

«Die Kritik der FPÖ sage vielmehr etwas über ihr grundsätzliches Medienverständnis aus, sagt der Kommunikationswissenschaftler. „Diese Partei will Medien nicht zugestehen, das zu machen, was ihre Aufgabe ist, nämlich Politik kritisch zu hinterfragen.“ Gerade das sei im demokratischen Zusammenspiel zwischen Medien und Politik jedoch essentiell.

Doch die FPÖ wolle lieber selbst das Verhältnis zur Öffentlichkeit bestimmen. „Am besten funktioniert das natürlich auf Facebook“, sagt Hausjell. „Da gibt es keine lästigen Nachfragen.“»

Quelle:

https://kurier.at/politik/inland/kritik-mit-system-warum-sich-die-fpoe-auf-milborn-einschiesst/232.028.448

Die massiven Anwürfe dieser Kreise richten sich gegen alle Medien, die ihre politischen Vorstellungen und Aussagen in Frage stellen. Für Populisten steht nur das eigene Lager (das „Volk“) in der Wahrheit. Alle anderen, die diese imaginierte Wahrheit des „Volkes“ in Frage stellen, sind Feinde und Verräter.

Da öffentlich-rechtliche Medien nicht einfach in diesem imaginierten „Volk“ aufgehen können, sondern mit einer gewissen Distanz darüber berichten müssen, gehören sie zum Feind.

Daraus erklärt sich wohl die Intensität der Wut, die sich auf öffentlich-rechtliche Medien (aber nicht nur auf sie) seit einiger Zeit einschiesst.

Hugo Portisch, der ehemaliger Chefredakteur des österreichischen KURIER und Kommentator des ORF, sagt in einem Interview:

„Die Wahrheit ist Rechtspopulisten unangenehm. Das verleitet sie dazu, die Medien zu verunglimpfen, um sie unglaubwürdig zu machen. Wenn ich sie nicht zensurieren oder abschaffen kann, dann versuche ich wenigstens in der Öffentlichkeit sie unglaubwürdig zu machen.“ (Quelle)

Ausgesprochen klickabhängige Medien – in Österreich zum Beispiel die „Kronenzeitung“ – sind viel kompatibler mit Populisten. Sie profitieren von den ständigen Provokationen, die zum Grundkonzept des Populismus gehören. Provokationen und Tabubrüche verschaffen den Medien viele Klicks und dadurch viele Werbeeinnahmen. Die Medien verschaffen im Gegenzug den Populisten viel Aufmerksamkeit.

Boulevard-Medien und Populisten gehen so Hand in Hand.

Öffentlich-rechtliche Medien sind breiter finanziert, dadurch weniger abhängig von Klick-Einnahmen und unabhängiger von populistischen Provokationen und Tabubrüchen. Das ist für Populistinnen und Populisten offenbar kaum zu ertragen.

Die pauschale Diffamierung der „Mainstreammedien“ durch Populisten und Verschwörungstheoretiker aller Art ist in Deutschland und Österreich meinem Eindruck heftiger als in der Schweiz. Es spricht aber viel dafür, dass diese populistische Wut auf die „Systemmedien“ in der Kampagne für die NoBillag-Initiative sehr wohl eine Rolle spielt.

Ein Grund mehr, diese Initiative wuchtig bachab zu schicken.

Diffamierung ≠ Kritik

In diesem Zusammenhang muss immer wieder deutlich auf den fundamentalen Unterschied zwischen Kritik und pauschaler Diffamierung hingewiesen werden.

Pauschale, diffamierende Begriffe wie „Lügenmedien“ sind Kampfbegriffe der politischen Propaganda. Die Glaubwürdigkeit der klassischen Medien soll zersetzt werden, damit die Bürgerinnen und Bürger den „alternativen“ Propagandamedien der Rechtpopulisten und Rechtsextremen glauben.

Kritik ist genau das Gegenteil von pauschaler Diffamierung. Kritik sagt so präzis wie möglich, wer, was, wann falsch gemacht hat – und begründet dies mit Argumenten.

Solcher Kritik muss sich die SRG selbstverständlich stellen.

Bei der Abstimmung über die NoBillag-Initiative geht es aber nicht um berechtigte Programmkritik. Es geht um die staatspolitische Frage, ob wir in der Schweiz auch weiterhin öffentlich-rechtliche Medien wollen.

Öffentlich-rechtliche Medien können wir als Bürgerinnen und Bürger kritisieren, weil sie uns Rechenschaft schuldig sind. Privatisierte Medien sind nur ihren Besitzern Rechenschaft schuldig – und die sitzen bei den TV- und Radiostationen nach Annahme der NoBillag-Initiative mit grosser Wahrscheinlichkeit irgendwo im Ausland. Kritik wird diese Besitzer nicht interessieren, so lange die Gewinne stimmen….

Es wäre ein Schuss ins Knie, wenn wir unsere öffentlich-rechtlichen Medien mit der NoBillag-Initiative abschaffen würden.

P.S.: „Populismus“ ist inzwischen ebenfalls zu einem Kampfbegriff geworden, den man vollkommen vage definiert jedem Gegener um die Ohren schlagen kann. Ich verwende diesen Begriff daher hier in der klar definierten Form, wie ihn der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller in seinem Essay „Was ist Populismus?“ vorgestellt hat. Eine Zusammenfassung dieses Buches habe ich hier veröffentlicht: „Was ist Populismus? Und was nicht?“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s