Warum die SRG auch denen nützt, die sie selbst nicht nutzen

Mark Eisenegger und Linards Udris fragen danach, welche Leistungen genau Service-public-Medien für die Allgemeinheit erbringen und wie sich das empirisch belegen lässt.

Sie stützen sich dabei auf kommunikationswissenschaftliche empirische Studien, die in den letzten Jahren im In- und Ausland erschienen sind, und auf eine Übersicht zum Stand der Forschung, die ein Team an der Universität Oxford erarbeitet hat.

Diese Fragen sind für die laufende Diskussion rund um die No-Billag-Abstimmung sehr relevant.

Die Ergebnisse veröffentlichten die Autoren im Online-Magazin „Republik“.
Das Resultat vorweg:
„Service-public-Medien machen uns messbar klüger. Und Service-public-Medien fördern das Vertrauen ins Mediensystem – und in die gesellschaftlichen Institutionen insgesamt. Davon profitieren letztlich alle: nicht nur die Viel- und die Gelegenheitsnutzer, sondern auch die Nichtnutzerinnen.“

Hier ein paar Kernpunkte aus dem Beitrag:

– Qualität der Berichterstattung:

Die Medien sollen eine qualitativ gute Berichterstattung betreiben. Qualitativ gut bedeutet, dass Medien vielfältig über relevante Inhalte berichten, dass sie Ereignisse einordnen und dass sie sachlich und fair Argumente abwägen.
Bieten Medien in der Schweiz diese Qualität? Und wenn ja, welche Medien? Die empirischen Befunde des Medienqualitätsratings zeigen, dass Medien in der Schweiz trotz wegschmelzender Ressourcen immer noch eine relativ gute Qualität bieten. Und diese wird gemäss Befragungen auch so vom Publikum wahrgenommen. Manche Medien tragen jedoch zu dieser Qualität deutlich mehr bei als andere. Die Autoren dazu:
„Im Vergleich verschiedener Medientypen schneidet gerade der öffentliche Rundfunk mit seinen Informationssendungen überdurchschnittlich ab. Ohne SRG würden Leuchttürme von Qualität wie das «Echo der Zeit» verschwinden. Es würde nicht nur ein sehr hochwertiger Teil des Mediensystems wegbrechen, sondern es würde auch die Qualität der anderen Anbieter leiden, weil Benchmarks verloren gingen, an denen sich auch die Privatmedien orientieren.“

– Wie gut sind Mediennutzerinnen und –nutzer informiert?

Die Qualität der Medien ist politisch nicht zuletzt relevant im Hinblick auf die Frage, wie gut die Bürgerinnen und Bürger, die diese Medien konsumieren, am Ende informiert sind.

Die Autoren zeigen anhand von Studien:

„Wer öffentliche Medien nutzt – oder nur schon in einer Medienumgebung mit starkem öffentlichem Rundfunk lebt –, hat ein höheres Wissen bei einer Vielzahl von gesellschaftspolitisch relevanten Themen……
Die Studienresultate sind eindeutig: Wer öffentliche Medien nutzt, kann solche Fragen besser beantworten. Das Lernen vom öffentlichen Rundfunk ist aber abhängig von der konkreten Sendung…….Wer aber rein kommerzielles Privatfernsehen schaute, lernte signifikant weniger. Öffentliche Medien machen messbar klüger.“

– Gesellschaftliche Integrationsleistungen

Studien deuten darauf hin, dass der öffentliche Rundfunk erstens ein breiteres und vielfältigeres Spektrum der Gesellschaft thematisiert als beispielsweise das kommerzielle Fernsehen und so einen besonders wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration leistet. Zweitens ist das Vertrauen in einer Gesellschaft mit starkem öffentlichem Rundfunk höher – das Vertrauen ineinander, ins Mediensystem und die gesellschaftlichen Institutionen insgesamt.
Service-public-Medien decken ganz generell mit ihrem breiten Angebot verschiedene Bevölkerungsgruppen und Interessen ab und tragen damit zur gesellschaftlichen Integration bei.
In der aktuellen Diskussion um No Billag sehen die Autoren eine Blindstelle:

„Man spricht….bloss über zwei der vielen möglichen Formen, wie gebührenunterstützte Medien die Gesellschaft integrieren. Der Beitrag zum Zusammenhalt wird verkürzt darauf, dass der öffentliche Rundfunk für ein Angebot in allen vier Sprachregionen und – zusammen mit gebührenfinanzierten Regionalmedien – in vernachlässigten Randregionen sorgt.
Das ist zwar unbestreitbar, aber die einseitige Fokussierung auf Sprache und Geografie greift zu kurz. Der öffentliche Rundfunk erbringt viel umfassendere gesellschaftliche Integrationsleistungen – und muss diese auch erbringen. Es gibt ja nicht nur sprachregionale Minderheiten und Bevölkerungsgruppen in abgelegenen Regionen. Der Rundfunk soll beispielsweise auch ältere Menschen in die Gesellschaft integrieren. Die Bedeutung öffentlicher Medien für diese Zielgruppe – Menschen über 65 machen ein Fünftel der Bevölkerung aus – geht angesichts der einseitigen medienpolitischen Fokussierung auf junge Zielgruppen fast komplett vergessen.“

Service-public-Medien zeichnen sich allgemein dadurch aus, dass sie ein Programm für ganz unterschiedliche Gruppen und Identitäten bieten, sei bezüglich Unterscheidungsmerkmale wie Geschlecht, Alter, Religion/Konfession, sei es in Bezug auf Merkmale wie Nationalität, Wohnort, Einkommen, Zivilstand etc.

Die Autoren verweisen dazu auf den Historiker Thomas Maissen, der vom Beitrag des Service public für die «zahlreichen Schweizen» spricht, und erinnern daran, dass der öffentliche Rundfunk Seh- und Hörbehinderten durch Untertitelungen und Angebote in Gebärdensprache den Medienkonsum erst möglich macht.

Als wichtig für die gesellschaftliche Integration betrachten die Autoren auch, dass das Medienangebot des Service public für verschiedene Generationen und generationenübergreifend produziert wird.

„Welche privaten Medien bieten beispielsweise gehaltvolle Sendungen für Kinder und Jugendliche an? Während die SRG ein laufend aktualisiertes Schulfernsehen produziert und auch Kindersendungen im Programm hat, haben etwa Zeitungen ihre Kinder- oder Jugendbeilagen mittlerweile wieder eingespart. Erinnert sich noch jemand an «Ernst» im «Tages-Anzeiger»?“

– Fundierte Auslandsberichterstattung

In der No-Billag-Debatte kommt nach Ansicht der Autoren das Thema Ausland viel zuwenig zur Sprache. Die Forschung zeigt auch hier, dass der öffentliche Rundfunk eine relevantere, vielfältigere, weniger emotionale Auslandsberichterstattung betreibt als das kommerzielle Fernsehen, besonders dann, wenn das öffentliche Fernsehen wenig auf Werbung angewiesen ist. Zu diesem Resultat kommt ein 17-Länder-Vergleich
(inklusive der Schweiz) durch ein Team um den israelischen Kommunikationswissenschaftler Akiba Cohen. Beispielsweise stehen beim öffentlichen Fernsehen nicht nur wirtschaftliche Grossmächte wie die USA oder die Nachbarländer im Rampenlicht, sondern immer wieder auch andere Länder. Dass auch in der Schweiz die SRG nach den Messungen der Jahrbücher «Qualität der Medien» mit ihren Newssendungen, und dies insbesondere im Radiobereich, nachweislich viel beiträgt zu einer qualitativ guten Auslandsberichterstattung, wird laut den Autoren in der Diskussion um „No Billag“ fast komplett ausgeblendet. Sie schreiben dazu:

„Es ist leider bezeichnend, dass die Auslandsdimension weder bei den Befürwortern noch den Gegnern von No Billag eine Rolle spielt. Nicht zum ersten Mal ist ein Abstimmungskampf in der Schweiz über weite Strecken eine Nabelschaudebatte, in der globale Entwicklungen und die internationalen Beziehungen kaum Beachtung finden.“

– Die SRG wird von Links, Rechts und Mitte gleichermassen genutzt

Die SRG bekommt gemäss Befragungsdaten – etwa vom Institut für angewandte Kommunikationsforschung (IaKom) – besonders gute Noten vom Publikum und wird über verschiedene Bevölkerungsgruppen hinweg genutzt. Ihr wird zudem viel Vertrauen geschenkt. Sowohl «Linke» als auch «Rechte» als auch diejenigen, die sich der «Mitte» zugehörig fühlen, nutzen Sendungen der SRG häufig. Die Auswertung einer Befragung, die im Kontext des «Reuters Digital News Report» durchgeführt wurde, zeigt, dass Newssendungen der SRG ein Publikum haben, das in politischer Hinsicht genau dem Durchschnitt der Schweizer Bevölkerung entspricht. Die Autoren schliessen daraus, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer die SRG als politisch einseitig empfinden.

Forscher der Uni Oxford halten in einer Übersicht zur Studienlage fest, dass Service-public-Medien besonders starkes Vertrauen geniessen und darüber hinaus auch das Vertrauen in der Gesellschaft insgesamt fördern. Konkret ist das Vertrauen in Ländern mit einem starken öffentlichen Rundfunk höher, sowohl zwischen den Menschen als auch in die gesellschaftlichen und staatstragenden Institutionen. Auch das Vertrauen ins Mediensystem wird durch einen starken öffentlichen Rundfunk positiv beeinflusst.

– Öffentliche Medien stärken das Mediensystem insgesamt und damit auch Privatmedien

Ein positives Mediensystemvertrauen aufgrund starker öffentlicher Medien korreliert mit der Bereitschaft der Nutzer, für News zu bezahlen oder Werbung zu akzeptieren, also keine «Werbeblocker»-Software einzusetzen. Daraus lässt sich schliessen, dass der öffentliche Rundfunk das ganze Mediensystem stärkt und damit auch die privaten Medien.
Im Onlinebereich herrscht eine ausgeprägte «Gratismentalität». Eine Studie der Universität Oxford hat gezeigt, dass diese Gratiskultur abgeschwächt wird, wenn die Leute ein klassisches Printabonnement haben oder wenn sie Onlinenachrichten des öffentlichen Rundfunks nutzen. Das zeigt, dass die tiefe Zahlungsbereitschaft im Onlinebereich nachweislich nicht am öffentlichen Rundfunk liegt.

– Öffentliche Medien erzeugen wirtschaftlichen Mehrwert über das Mediensystem hinaus

Die Autoren verweisen dazu auf eine Studie, in der die Wirtschaftsberichterstattung in Beziehung gesetzt wird zur medienvermittelten Reputation der Unternehmen. Es konnte darin aufgezeigt werden, dass grössere Abonnementszeitungen und der öffentliche Rundfunk gehaltvoller, sachlicher und vielfältiger über die Wirtschaft berichten als andere Anbieter. Die medienvermittelte Reputation von Unternehmen unterliegt in diesen Medien daher geringeren Schwankungen. Konzerne und ihre CEOs werden weniger häufig hochgeschrieben und weniger rasch wieder vom medialen Thron gestürzt. Wer eine qualitativ bessere Wirtschaftsberichterstattung nutzt, hat darüber hinaus einen besseren wirtschaftlichen Kenntnisstand. Unternehmen haben deshalb ein objektives Interesse an Qualitätsjournalismus. Eine Schwächung von Service-public-Medien, die zu einer gehaltvollen Wirtschaftsberichterstattung beitragen, hat deshalb eine Schwächung der Wirtschaft zur Folge.
Die Autoren kommen am Schluss ihres Beitrags zu folgendem Fazit:
„Service-public-Medien bieten eine kommunikative Infrastruktur, von der wir alle profitieren – egal, ob wir das Medienangebot häufig, ab und zu oder gar nicht nutzen. Denn Service-public-Medien bieten in vielerlei Hinsicht einen messbaren Mehrwert für die ganze Gesellschaft. Das lernen wir aus den empirischen Studien. Eine Annahme der No-Billag-Initiative würde nicht nur das Mediensystem schwächen, sondern die Gesellschaft insgesamt.
Auf die Frage «Warum soll ich für etwas bezahlen, was ich nicht nutze?» lässt sich eine klare Antwort geben: weil es Ihnen trotzdem nützt.“
Zu den Autoren:
Mark Eisenegger ist Professor, Linards Udris Oberassistent am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IKMZ) an der Universität Zürich. Die beide Autoren sind ausserdem in leitender Stellung am fög tätig – dem Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich.

 

Quelle: Republik

Über den Link kommen Sie zum vollständigen Artikel, der sehr lesenswert ist und in dem die Autoren ihre Aussagen genauer begründen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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